Musikalische Zeitzeugin

Exklusiv-Interview mit Stargeigerin Anne-Sophie Mutter


Anne-Sophie Mutter mag künstlerische Kontraste. Im Interview spricht sie über die Entwicklung der Neuen Musik und positive Erinnerungen an Essen. Die einst als Wunderkind geltende Stargeigerin genießt bei Publikum und Kritik höchstes Ansehen. 2016 feierte sie ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum. In der Philharmonie spielt sie Bruchs Violinkonzert und Takemitsus “Nostalghia”.

Max Bruchs Violinkonzert begleitet Sie schon Ihre gesamte Karriere lang: Als Jugendliche haben Sie es gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan eingespielt. Welche Beziehung haben Sie zu dem Werk?
Anne-Sophie Mutter: Bruchs Violinkonzert ist genauso wie Brahms’ Violinkonzert Joseph Joachim gewidmet und eines der letzten großen romantischen Werke der Geigenliteratur, das ich allerdings sehr selten spiele. Ich bin sehr froh darüber, dass wir in der Philharmonie Essen sowohl in der Romantik schwelgen, als auch dem japanischen Großmeister Tōru Takemitsu huldigen. Mir ist es wichtig, stets kontrastreiche Werke gegenüberzustellen.

Sie setzen sich seit vielen Jahren für die Neue Musik ein. Haben Sie bei Takemitsus “Nostalghia” eine andere künstlerische Herangehensweise als bei Bruchs Violinkonzert?
Mutter: Takemitsu war nicht nur von traditionellen japanischen Instrumenten beeinflusst, sondern auch sehr stark von Debussy und Messiaen. Seine Sprache, seine Orchestration, bewegt sich in schillernd neuen Klangfarben, ganz anders als ein klassisches Werk. Es ist viel transparenter, eher introvertiert. Kürzlich hatte ich das große Glück, beim Gala-Konzert zum 30-jährigen Bestehen der Suntory Hall in Tokio Takemitsus “Nostalghia” unter der Leitung von Seji Ozawa zu spielen. Das war doppeltes Glück, denn zum einen dirigiert Maestro Ozawa nur noch selten, zum anderen hat er eine sehr innige Beziehung zu dem Werk und kannte Takemitsu auch persönlich sehr gut. Die Kompositionen von Bruch und Takemitsu sind zwar gleichsam melancholisch und tiefgründig, doch sie sprechen eine völlig andere Sprache.

Warum liegt Ihnen Neue Musik so sehr am Herzen?
Mutter: Ich bin selber wahnsinnig neugierig und glaube, dass auch der Zuhörer gern mal etwas anderes hören möchte – ohne dabei das bekannte und geliebte Terrain aufzugeben. Deshalb kombiniere ich gern das Bekannte mit dem Unbekannten. Außerdem entwickle ich mich auch gern weiter, kann mich bei zeitgenössischen Werken noch viel mehr einbringen und bin somit künstlerische Zeitzeugin der Neuen Musik. Darüber hinaus leben wir, was die Neue Musik betrifft, doch heute im goldenen Zeitalter! Wenn ich daran denke, wie diese Musik noch vor 30 Jahren aufgenommen wurde, dann hat sich doch wirklich enorm viel getan. In den achtziger Jahren haben die Leute doch noch reihenweise die Konzertsäle verlassen, wenn Prokofjew oder Schostakowitsch gespielt wurde!

 

Wieso hat es die Neue Musik dann auch heute noch oftmals so schwer?
Mutter: Natürlich bedarf die Beschäftigung mit Neuer Musik häufig einer Vorbereitung, und man kann von keinem Zuhörer erwarten, dass er sich vor einem Konzert erst intensiv einhört – aber mit guten Pre-Concert-Lectures oder auch mit Diskussionsrunden nach einem Konzert, bei dem Komponist oder Interpret über das Werk berichten, kann man sehr viel bewirken.

Sie waren seit der ersten Spielzeit regelmäßig bei uns in der Philharmonie zu Gast – welche Assoziationen verbinden Sie mit Essen?
Mutter: Sehr positive! In der Philharmonie Essen herrscht eine kultivierte Atmosphäre. Ich habe wunderbare musikalische Erinnerungen, ganz besonders an Bergs Violinkonzert, das ich da in gefühlten 100 Proben einstudiert habe – das hat mir sehr gut getan, und wenig später habe ich das Werk in Chicago aufgenommen. Ich komme sehr gern zurück nach Essen und freue mich auf das Konzert mit Fabio Luisi und der Philharmonia Zürich, denn der Saal in Essen ist wirklich ein absoluter Traum – einer der großartigsten Konzertsäle in Deutschland! Für mich ist Essen ein Stück Heimat.
Interview: Maren Winterfeld

Am 20. Mai 2017 ist Anne-Sophie Mutter in der Philharmonie Essen zu Gast.
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